Umsatzeinbußen von bis zu 35 Prozent, genervte Kunden, komplizierte Regeln – aber gleichzeitig deutlich mehr Mehrweg: Freiburgs umstrittene Verpackungssteuer steht wieder auf dem Prüfstand. Am 20. Oktober beschäftigt sich der Gemeinderat mit der ersten Zwischenbilanz und entscheidet über das weitere Vorgehen. Dabei steht ausdrücklich auch die Frage im Raum, ob die seit Januar geltenden Regeln geändert oder vereinfacht werden. Eine Abschaffung oder Optimierung ist durch die vorliegende Beschlussvorlage allerdings nicht vorentschieden.
Den Stein ins Rollen gebracht hatten FW, SPD+JF, CDU und FDP/BfF. Die vier Fraktionen beantragten bereits im März, die Auswirkungen der Verpackungssteuer auf Betriebe, Müllmengen und Verwaltung zu untersuchen. Sie wollten ausdrücklich über „mögliche Anpassungen, Optimierungen, Verbesserungen oder die Abschaffung“ der bestehenden Satzung diskutieren und beschließen können. Zuletzt forderten auch insgesamt fünf Fraktionen, die Verpackungssteuer abändern zu lassen.
Jetzt liegen erstmals umfangreiche Zahlen und Erfahrungsberichte auf dem Tisch. Das Bild ist widersprüchlich.
Betriebe berichten von bis zu 35 Prozent weniger Umsatz
Besonders brisant sind die Rückmeldungen aus der Gastronomie. Bei Gesprächen mit Betrieben und Verbänden berichtete der Bundesverband der Systemgastronomie von Umsatzeinbußen seiner Mitglieder von 20 bis 30 Prozent. Ein lokaler Franchisenehmer gab einen Rückgang von 30 bis 35 Prozent an. Auch ein beteiligter Imbiss bezifferte seinen Umsatzrückgang auf etwa 35 Prozent.
Die Stadt weist allerdings ausdrücklich darauf hin, dass diese Angaben nicht überprüft wurden und nicht repräsentativ sind. Zudem lässt sich nicht feststellen, welcher Anteil tatsächlich auf die Verpackungssteuer zurückzuführen ist. Auch Kaufkraftverlust, Konsumzurückhaltung oder andere Entwicklungen könnten eine Rolle spielen.
Betriebe am Stadtrand berichten zudem davon, dass Kunden in angrenzende Gemeinden ausweichen. Pizzerien und Systemgastronomen beobachten nach eigenen Angaben außerdem eine Verlagerung vom Abholen hin zu Lieferdiensten – denn Lieferungen sind von Freiburgs Verpackungssteuer ausgenommen.
Auch Kunden reagieren offenbar teilweise mit ungewöhnlichen Lösungen: Betriebe berichten, dass Menschen eigene Teller oder Frischhaltedosen mitbringen. Teilweise würden sogar benutzte Pizzakartons, Styroporboxen oder Alufolie erneut zum Befüllen vorgelegt.
Mehrweg nimmt gleichzeitig deutlich zu
Auf der anderen Seite gibt es Zahlen, die auf einen stärkeren Einsatz von Mehrweg hindeuten. Von 149 angeschriebenen Betrieben nahmen 86 an einer Online-Befragung teil. 53 Prozent gaben an, dass die Nutzung von Einweg deutlich oder eher gesunken sei. 41 Prozent verzeichneten einen Anstieg bei Mehrweg. Knapp 80 Prozent der antwortenden Betriebe nutzen Mehrweggegenstände.
Auch einzelne Anbieter melden deutliche Veränderungen. Bei vier Freiburger RECUP-Partnern stieg die Mehrwegquote bei To-Go-Getränken laut Vorlage statistisch signifikant von vier auf rund 32 Prozent. Die Zahl der Freiburger Gastronomiebetriebe, die RECUP nutzen, erhöhte sich von 124 im Juli 2025 auf 150 im Juni 2026.
Im städtischen Mehrwegverbund wurden seit dem Start rund 10.000 Mehrwegbecher ausgegeben. Bis Ende August wurden 7.274 Becher und 1.891 Deckel zentral gespült. Ende August beteiligten sich 30 Betriebsstätten.
Auch die Entwicklung der monatlichen Bechermengen zeigt einen deutlichen Sprung: Von 67 im November 2025 und 156 im Dezember stieg die Zahl nach Einführung der Verpackungssteuer auf 319 im Januar und 1.360 im Februar. Im Juli wurden 1.549 Becher erfasst.
Beim Müll bisher kein eindeutiger Effekt
Ob Freiburg durch die Steuer tatsächlich weniger Müll hat, lässt sich bislang nicht beantworten.
Im ersten Quartal 2026 wurden in öffentlichen Abfallbehältern 1,32 Tonnen weniger Abfall erfasst als im Vorjahreszeitraum. Im zweiten Quartal waren es dagegen 8,18 Tonnen mehr – ein Plus von 1,23 Prozent.
Die Stadt warnt selbst davor, daraus bereits Schlüsse über die Wirksamkeit der Verpackungssteuer zu ziehen. Eine ausführlichere Untersuchung der Kühne Logistics University soll erst 2027 Ergebnisse zu Gewicht, Volumen und Einweg-To-Go-Verpackungen liefern.
Hoher Aufwand hinter der Ladentheke
Deutlich wird dagegen, dass die Steuer vielen Betrieben zusätzliche Arbeit macht. In der Betriebsumfrage bewerteten 80 Prozent den Aufwand für Kundengespräche als hoch oder sehr hoch. Bei der Abrechnung waren es 66 Prozent und bei der Schulung des Verkaufspersonals 56 Prozent. 47 Prozent sehen auch beim Reinigen von Mehrweggefäßen einen hohen oder sehr hohen Aufwand.
Kritik gibt es zudem an einzelnen Regeln. Dazu gehören die Steuer auf bestimmte Verpackungen abhängig von deren Verwendung, die Ausnahme für Lieferdienste und die sogenannte 10-Tage-Regel für Veranstaltungen. Die Verwaltung erkennt bei letzterem Punkt grundsätzlich Anpassungsbedarf.
Abschaffung oder Änderung? Gemeinderat entscheidet
Die Stadtverwaltung zieht deshalb keine uneingeschränkt positive Bilanz. In der Vorlage heißt es, die praktische Umsetzung sei in Teilen herausfordernd, schwierig zu vermitteln und umständlich. Auch die Verwaltungsspitze sieht Änderungsbedarf.
Über die entscheidende Frage legt sich die Verwaltung aber nicht fest: Ob die Verpackungssteuer verändert und vereinfacht wird und wie weit mögliche Änderungen gehen, soll der Gemeinderat entscheiden.
Damit steht am 20. Oktober zwar nicht automatisch die Abschaffung oder Optimierung der Freiburger Verpackungssteuer an. Politisch steht die seit Jahresbeginn geltende Regelung aber erneut grundsätzlich zur Debatte.

